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Ehrung für Professor Frei Otto am 06. August 2016 um 18 Uhr

 

In einer öffentlichen Veranstaltung wurde der Architekt des Ruinendaches Professor Frei Otto mit Erinnerungstafeln im Stiftsbezirk geehrt.

 

 

 

 

Der Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine Helgo Hahn fand folgende Worte:

 

Meine sehr verehrten Damen und Herrn,

wenn die Witwe und die Tochter von Frei Otto, eine seiner engsten Mitarbeiterinnen, uns heute mit ihrem Besuch beehren, so bin ich natürlich nicht die richtige Person, einen Vortrag über ihn zu halten, denn ich bin weder Architekturfachmann noch würde ich mir anmaßen hier einen Abriss seines Lebens und seiner Lebensleistung vorzutragen.

Meine Annäherung an Frei Otto geschieht also mehr über meine Neugier und über mein eigenes Erstaunen darüber, was er alles initiiert hat und wie fortschrittlich und modern seine architektonischen Konstruktionen sind. Daher möchte ich Sie an meinem Erstaunen ein wenig teilhaben lassen.

Frei Otto gilt als einer der wichtigsten Vertreter der sogenannten biomorphen Architektur, also einer Bauweise, die sich die Natur in Bezug auf Form, Materie, Fläche und Energie zum Vorbild nimmt und somit ist er auch ein Pionier des ökologischen Bauens. Ein wichtiger Impuls hierbei war sicherlich sein früher Kontakt zum Segelfliegen, wo er erste Kenntnisse über Leichtbauweise und rahmengespannte Membranen erwarb. Ein wichtiges experimentelles Hilfsmittel dabei waren Drahtmodelle, die, in Seifenlauge getaucht, durch die Seifenhaut die Geometrie des geringstmöglichen Flächeninhalts erfassen ließen, einfach genial.

Besucht man die äußerst informative Website über Frei Otto an (www.freiotto.com), so findet man dort in der Einteilung seiner Arbeiten unter anderem die Begriffe „Zelte, Netze, Schirme und Dächer“.

Und wenn man nur jeweils ein Projekt aus diesen Kategorien betrachtet, bekommt man eine Vorstellung der Architektur Frei Ottos, die BauKUNST im besten Wortsinn ist und einen fließenden Übergang zur bildenden Kunst darstellt.

Beim Punkt „Zelt“ greife ich eine ganz frühe Arbeit heraus, die 1955 kurz nach seiner Promotion entstand. Es war ein Vierpunktsegel, das den Musikpavillon auf der Bundesgartenschau in Kassel überspannte. Seine gerade erschienene Dissertation mit dem Titel „Das hängende Dach“ hatte erstmals umfassend die Bautechnik „zugbeanspruchter Flächentragwerke“, so der Fachbegriff, darge­stellt. Ein Beispiel sehen wir hier vor uns.

Ein Beispiel für eine netzartige Konstruktion kennen wir alle: Es ist das Olympiadach in München. Es sind aber auch die Überdachungen des deutschen Pavillons der Weltausstellung in Montreal 1967 und der Sporthalle der Universität in Jeddah in Saudi Arabien.

Denkt man an einen Schirm, so weiß man, dass man bei Regen unter ihm trocken bleibt, während alle Personen um einen herum nass werden. Frei Otto bietet eine andere Lösung, die ebenso einfach wie genial ist. Er dreht den Schirm herum, so dass er nun wie eine Kelchblüte aussieht, das Wasser fließt nach innen in einem Rohr zielgerichtet ab. Beispiele solcher Schirmdächer sah man auf der Bundesgartenschau in Köln 1971, sie beschatten den Innenhof der Moschee des Propheten in Medina, oder kamen auf einer Konzerttournee von Pink Floyd zum Einsatz.

Und nun zum „unserem“ Dach:

Schon bei den ersten Festspielen 1951 hatte die „Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine“ Überlegungen zu einer Regensicherung angestellt.

Bei schlechtem Wetter gab es als Alternativen den Ortswechsel in die Stadthalle, damals noch Kulturhalle genannt, die Geldrückgabe oder den Verfall der Karten, alles wenig besucherfreundlich.

Von 1953 bis 1967 wurde in jedem Jahr eine riesige Zelthalle hier auf dieser Wiese (nördlich, neben der Ruine) aufgebaut,  mit ansteigender Tribüne, für 2000 Zuschauer und angedeuteter Ruinenbühne, ebenfalls nur ein Notbehelf und nicht annähernd Ersatz für eine Vorstellung in der Stiftsruine.

Die Erörterungen und Überlegungen für den Bau einer festen Mehrzweckhalle brachten ebenfalls keine Ergebnisse, weil man das Ensemble des Stiftsbezirks nicht stören wollte. Dies führte dazu, dass die "Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine" am 4. Dezember 1958 beschloss, einen Ideenwettbewerb für eine temporäre Überdachung der Ruine durchzuführen. Der Hessische Minister für Erziehung und Bildung hatte sich mit Erlass vom 20. Dezember 1958 hiermit einverstanden erklärt.

Auf diese Ausschreibung, die nach Verfahrensregeln des Bundes Deutscher Architekten durchgeführt wurde, gingen 37 Entwürfe ein. Das Preisgericht, das aus den Architekten Dr. Pabst (Darm­stadt), Bleibaum (Marburg), Grundmann (Hamburg), Gutbrod (Stuttgart) und Thümler (Münster) bestand, prämierte am 3. November 1959 drei Entwürfe, weitere Entwürfe wurden angekauft.

Die Entwürfe wurden dem Magistrat der Stadt Bad Hersfeld übergeben. Die Zeit für die Verwirklichung war aber offensichtlich noch nicht reif, sowohl für die Durchführungsabsicht, als auch in finanzieller und technischer Hinsicht.

Es sollte noch bis 1968 dauern, bis einer der Entwurfseinreicher, Professor Dr. Frei Otto (1925-2015), den Traum vom Regendach für die Stiftsruine Wirklichkeit werden ließ. Heute ist es für die Festspiele eine fundamentale technische Einrichtung, auf die nicht verzichtet werden kann.

Die Dachhaut ist aus Trevira gefertigt, damals wurden die Fäden noch von der Hoechst AG in Bad Hersfeld hergestellt. Das Dach hängt an netzartig aufgespannten Drahtseilen, befestigt an einem einzigen, 36 Meter hohen Mast. 22 Elektromotoren fahren die 1600 m2  große Dachhaut aus und ein. Die Konstruktion berührt das Gebäude nicht, eine Auflage des Denkmalschutzes. Zwischenzeitlich existiert bereits die 2. Überdachungsgeneration. Das heutige Dach wiegt ca. 1,2 Tonnen.

Die "Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine" ließ später auch Pläne für die Überdachung der Bühne anfertigen. Auch hierbei waren die Auflagen des Denkmalschutzes zu beachten. Deshalb überschritt der notwendige Aufwand einerseits die finanziellen Möglichkeiten, andererseits stellt sich die Frage, ob dann das Freilichterlebnis nicht vollkommen abhandenkäme.

Mich verbindet mit dem Dach ein sehr persönliches, fast existentielles Erlebnis. Während einer Bühnenprobe zu „Anatevka“ im Jahr 1985 begann es zu regnen und das Dach wurde zugefahren. Das war jedes Mal ein spektakulärer Anblick. Auch wenn das Dach während einer Vorstellung zugefahren werden musste, gab es stets Applaus des Publikums.

Wir blieben also auf der Bühne und genossen den Anblick der sich entfaltenden Dachhaut. Mein Probenklavier stand an der Rampe der Bühne. Als das Dach fast vollständig ausgefahren war, hörte man ein rollendes Geräusch und ein Metallbolzen, 3 cm im Durchmesser und etwa 10 cm lang, fiel herunter und durchschlug die obere Klappe meines Klaviers. Die Beschädigung ist noch heute an unserem Probenklavier, das jetzt in der Herrengarderobe steht, zu sehen. Seitdem darf das Dach nur noch bei leeren Zuschauerrängen und weitgehend geräumter Bühne auf- und zugefahren werden.

Ich komme zum Abschluss noch einmal auf Frei Otto zu sprechen. Auf seiner schon angesprochenen Internet-Seite findet sich eine äußerst lesenswerte Abhandlung über die „Architektur der Zukunft“, die einen visionären Blick im Spannungsfeld zwischen technischer Machbarkeit von Monumentalbauten und sinnvollen, anpassungsfähigen, individuellen und energetisch optimierten Lösungen gestattet. Oder, wie er es formuliert: „Eine wirklich ökologische Baukunst, die energie- und zugleich materialsparend ist und das Einswerden des Menschen mit der Natur als Ganzes fördert, kann als eine der großen Zukunftsaufgaben angesehen werden.“

Wir danken Frei Otto, für eine wunderbare Konstruktion, die ein wichtiger Beitrag für die Bad Hersfelder Festspiele ist und neben dem einzigartigen Raum- und Kulturerlebnis auch das Wohlbefinden unserer Besucher gewährleistet.